Stimmen aus der Jury
Im Gespräch mit Dr. Markus Noga, Chief Technology Officer der IONOS SE
Herr Dr. Noga, wir freuen uns sehr, dass IONOS den Open Source Wettbewerb in diesem Jahr als Partner unterstützt. Was hat den Ausschlag gegeben?
Die Erfahrung der letzten zwei Jahre. Wir bekommen deutlich mehr Anfragen von größeren Organisationen, für die digitale Souveränität an Bedeutung gewinnt, und die Fragen haben sich verändert. Es geht nicht mehr um Rechenzentrumsstandorte, sondern darum, wie der Betrieb weiterläuft, egal was politisch passiert. Wer KI in Kernprozesse integriert und plötzlich keinen Zugriff mehr hat, weil das genutzte Modell für Europa gesperrt wurde, kann als Verwaltung zum Beispiel keine Bürgeranfragen mehr beantworten. Das ist kein theoretisches Risiko. Im öffentlichen Sektor sehen wir die Sensibilität für diese neuen Szenarien besonders deutlich. Das ITZBund hat uns den Aufbau einer privaten Enterprise-Cloud übertragen und über govdigital haben die meisten öffentlichen IT-Dienstleister Zugang zu unserer Plattform. Was darauf laufen soll, entscheiden aber die Verwaltungen. Der Wettbewerb ist für uns der beste Überblick darüber, wohin sich die Verwaltungs-IT bewegt.
Sie sind zugleich Mitglied unserer Jury. Was hat Sie bei den Einreichungen beeindruckt?
Die Vielfalt und Reife der eingereichten Beiträge hat mich überzeugt. Wir haben ein breites Feld gesehen: von fundamentalen technischen Basisdiensten über spezialisierte fachliche Bausteine – wie etwa GIS-Komponenten – bis hin zu kompletten Fachverfahren. Besonders bemerkenswert ist dabei der hohe Grad an Skalierung. Die Mehrheit der Lösungen ist bereits fest in der Praxis etabliert und verzeichnet regelmäßig Nutzerzahlen von mehr als 10.000 Personen. Das zeigt eindrucksvoll, welchen konkreten Mehrwert diese Entwicklungen schon heute stiften.
Ein sehr positiver Trend ist, dass die öffentliche Verwaltung die Frage der Infrastruktur mittlerweile strategisch mitdenkt. Um von echter Souveränität zu sprechen, müssen für mich vier zentrale Kriterien erfüllt sein: ein europäischer Standort des Rechenzentrums, ein europäisches Betriebsteam, keine rechtliche Bindung der Muttergesellschaft an außereuropäisches Recht sowie ein Software-Stack auf Basis eigener Entwicklungen oder Open Source. Besonders bemerkenswert ist, wie viele Einreichungen in diesem Jahr genau diesen Anspruch aufgreifen. Sie legen detailliert dar, in welcher Umgebung ihre Anwendung betrieben wird und wer dafür die Verantwortung trägt.
Mit der Kategorie Künstliche Intelligenz haben wir in diesem Jahr Neuland betreten. Wie sehen Sie das Thema aus Sicht eines Cloud-Anbieters?
Als das Feld, auf dem Europa gerade aufholt. Für uns sind offene Modelle auf europäischer Infrastruktur der Weg, Europa zugleich souverän und “KI-stark” zu machen. Gewichtsoffene Modelle liegen nur wenige Monate hinter den führenden kommerziellen Modellen, und europäische Modelle zeigen, dass Europa mithalten kann. Wir betreiben diese Modelle europäisch souverän über eine OpenAI-kompatible Schnittstelle. Jedes Byte wird alleine in Europa verarbeitet.
Was viele unterschätzen, ist die nächste Stufe. Eine Chatbot-Interaktion hat fünf oder sechs Frage-Antwort-Paare, ein Agent eher fünfzig. Wer heute ein KI-Projekt einreicht, sollte die Skalierung von Anfang an einplanen. Dabei helfen Cloud Services wie unser AI Model Hub. Wer geprüfte Infrastruktur braucht, findet sie ebenfalls. Wir haben im Januar eine Kooperation mit dem BSI vereinbart und im Mai das erweiterte C5:2020-Testat erhalten.
Was möchten Sie den Verwaltungen mitgeben, die überlegen, im nächsten Jahr einzureichen?
Leben Sie Open Source. Nutzen Sie vorhandene Projekte auf allen Ebenen: technische Basisdienste, fachliche Lösungsbausteine und komplette Fachverfahren. Wer das Rad nicht neu erfindet, kommt schneller voran und erzielt höhere Qualität. Geben Sie Ihre neuen Lösungen auf allen Ebenen zurück an die Open Source Community als neue Projekte – so profitieren alle davon.
Ein Beispiel für solche Bausteine: wir haben dieses Jahr zusammen mit unseren Partnern eine digitale souveräne Office-Suite namens Euro-Office vorgestellt. Sie macht den Umstieg von Microsoft-Produkten reibungslos, da sie für die Benutzer vertraut aussieht und alle klassischen Dateiformate lesen kann. So gelingt der Umstieg ohne Bruch in den Arbeitsabläufen.
