Stimmen aus der Jury
Im Gespräch mit Stefan Zosel, VP Global Cloud Lead Public Sector von Capgemini
Herr Zosel, Capgemini unterstützt den Open Source Wettbewerb gemeinsam mit SUSE bereits zum zweiten Mal. Warum engagieren Sie sich erneut?
Die Projekte des vergangenen Jahres. Sie haben eindrucksvoll gezeigt, wie leistungsfähig die Community ist und wie konkret Open Source die digitale Souveränität im öffentlichen Sektor voranbringt. Der Wettbewerb macht diese Erfahrungen sichtbar und hilft, gute Lösungen über Verwaltungsebenen hinweg nutzbar zu machen. Genau an dieser Stelle liegt aus unserer Sicht der größte Hebel. Wir erstellen seit 2001 den eGovernment Benchmark für die Europäische Kommission und messen jedes Jahr in allen 27 Mitgliedstaaten, wie gut digitale Verwaltungsdienste tatsächlich funktionieren. Die aktuelle Ausgabe bescheinigt Europa stetigen Fortschritt, nennt aber digitale Souveränität ausdrücklich als offenes Handlungsfeld. Aktuell ist unser neuer CRI Report zum Thema Digitale Souveränität erschienen und bestätigt den Bedarf. 94% der Entscheider sehen digitale Souveränität als strategisches Thema in der Geschäftsleitung.
Sie sind zugleich Mitglied unserer Jury. Worauf haben Sie bei den Einreichungen besonders geachtet?
Für mich ist entscheidend, wie konkret ein Projekt Kontrolle, Wahlfreiheit und Nachnutzbarkeit stärkt. Besonders wichtig sind dabei die Reduktion einseitiger technischer Abhängigkeiten und die Interoperabilität über offene Standards und Schnittstellen.
Ein Projekt kann technisch brillant sein, wenn es jedoch nur den alten Anbieter durch einen neuen ersetzt, ist wenig gewonnen. Gespannt war ich auf die neue KI-Kategorie – und sie hat gehalten, was ich mir versprochen hatte. Viele Teams kaufen KI nicht als Blackbox ein, sondern setzen auf offene Modelle, die sich im eigenen Haus betreiben lassen. Hier wird interessant sein, wie nachvollziehbar und verantwortungsvoll die Lösungen gestaltet sind und wie sie die digitale Leistungsfähigkeit der Verwaltung konkret unterstützen. Die Verwaltung liegt hier näher am Stand der Technik, als viele glauben – das zeigen die Bewerbungen, welche wir uns als Jury gerade ansehen.
Das Community-Voting läuft noch bis zum 30. September. Was bedeutet es Ihnen neben der Jury-Bewertung?
Beide Blickwinkel gehören zusammen. Die Jury bewertet nach festen Kriterien, die Community stimmt nach eigener Erfahrung ab. Erst zusammen ergibt das ein vollständiges Bild. Mich beeindruckt, mit welchem Engagement die Bewerber für ihre Lösungen werben, denn genau diese Sichtbarkeit wollen wir erreichen. Nachnutzung beginnt damit, dass eine Lösung überhaupt bekannt ist. Im vergangenen Jahr wurden rund 5.700 Stimmen abgegeben und ich hoffe, dass wir das in diesem Jahr übertreffen. Am einfachsten gelingt das, wenn möglichst viele Menschen einen Blick in die Projektliste werfen. Schon ein kurzer Blick lohnt sich, und wer selbst in einer Verwaltung arbeitet, entdeckt dort vielleicht die Lösung, die die eigene Behörde in den nächsten Jahren einsetzt.
Woran arbeitet Capgemini gerade im Bereich digitale Souveränität?
Heute ist Souveränität in aller Munde. Manchmal ist es schwer auseinander zu halten, was nun genau gemeint ist. Jeder Anbieter hat seine Sicht und Definition, und es gibt immer mehr Software und Cloud Anbieter in Europa mit Angeboten rund um Digitale Souveränität.
Genau hier unterstützen wir unsere Kunden. Was ist genau der Bedarf des Kunden, was ist das Risiko-Profil, was sind die Angebote im Markt und was ist der richtige Weg um Risiken und Chancen der Digitalisierung in der Verwaltung umzusetzen? OpenSource ist dabei ein wichtiger Baustein um die eigene Souveränität zu stärken – und wir sehen diesen Bedarf stetig wachsend in der Verwaltung und Politik. Deswegen zeigen wir unseren Kunden auch diesen Weg auf und unterstützen bei der Umsetzung der Initiativen.
Wie weit diese Entwicklung gekommen ist, sehe ich an meiner eigenen Laufbahn. Als ich 1997 nach dem Studium ein Open-Source-Unternehmen mitgegründet habe, mussten wir noch erklären, was Open Source überhaupt ist. Heute schicken Behörden 65 produktive Projekte in einen Wettbewerb und wir diskutieren nicht mehr über das Ob, sondern über das Wie. Die besten Antworten darauf gibt es am 15. Oktober auf der Smart Country Convention in Berlin, wenn die Finalisten ihre Projekte präsentieren. Ich freue mich auf viele bekannte und neue Gesichter.
